Dezember – Still. Leben.

Stillleben, Stolperstein, Berlin

Still. Leben

Das zwölfte der „Magischen Mottos“ hat es mir ganz besonders angetan.

Still. Leben.

[…] Ihr könnt euch aber auch die wörtliche Bedeutung nehmen. Stilles Leben.

Paleica

Ich hab ihren Beitrag gelesen und hatte mein Foto dazu schon direkt vor Augen. Das ist mir vorher noch nie passiert und spricht nur für Paleicas Motto-Wahl für das Finale dieses Projekts.

28.08.1942, Thomasiusstraße 21

Schon von Weitem hörte man den Lärm des Lastwagenmotors. Um so näher er kam, um so stiller wurde der Rest der Thomasiusstraße in Berlin-Moabit. Jeder in der Straße wusste, was es bedeutet, wenn das Klappern der beschlagenen Stiefel die eigenen Haustür erreichen würde.

Hunde bellten und Männer riefen kurze, knappe Befehle.

Während die einen verstohlen hinter den Vorhängen hervorschauten, um zu sehen, wen sie dieses Mal erwischen würden, wurde anderen klar, dass in diesem Moment ihr bisheriges Leben enden würde. Über das, was ab jetzt passieren würde, gab es unzählige Gerüchte und Vermutungen, aber zurückgekehrt um zu berichten war niemand.

Eine unter den Tausenden, die in diesen Tagen durch eine Tür aus ihrer Wohnung, ihrem Haus, ihrem Leben gezerrt wurde, war die damals 75-jährige Martha Herzog.

Stolperstein, Berlin, Thomasiusstraße, Martha Herzog

Was von einem Leben bleibt
(Quelle: aKerlin)

Martha Herzog (geb. Herzog)

Geboren: 29.09.1866 in Königsberg (Ostpreußen) / Kaliningrad
Deportation am 28.08.1942 von Thomasiusstraße 21 in das KZ Theresienstadt
Ermordet: 17.11.1942 in Theresienstadt

[…] Martha und Joseph Herzog konnten – anders als ihre Kinder – der NS-Verfolgung nicht entgehen und blieben in Deutschland zurück. Sie wurden am 28. August 1942 im Alter von 75 und 78 Jahren in das Lager Theresienstadt deportiert, wo beide nach wenigen Monaten ermordet wurden.

Stolperstein Martha Herzog

Ein stilles (Weiter-)Leben

Was Du da oben auf dem Bild siehst ist ein „Stolperstein“. Ersonnen und umgesetzt werden diese Steine von dem Künstler Gunter Demning.

Der Künstler Gunter Demnig erinnert an die Opfer der NS-Zeit, indem er vor ihrem letzten selbstgewählten Wohnort Gedenktafeln aus Messing ins Trottoir einlässt.

Stolpersteine.eu

Ziel ist es, an die zu erinnern, die einst an genau dieser Stelle gewohnt haben – wie z.B. Martha Herzog und ihr Mann Dr. Joseph Herzog.

Ich finde, dass dies eine sehr gelungene Form des Erinnerns und des Mahnens ist, da es die Vergangenheit, die wir meist nur sehr abstrakt kennen, mitten in unseren Alltag und unser aktuelles Leben hereinholt. Wenn man sich darauf einlässt, wirken die Steine sehr eindringlich, ohne einen mit der Moralkeule zu erschlagen. Da die Erinnerung an einem ganz konkreten Schicksal und einem bestimmten Ort fest gemacht wird, fällt es viel leichter, sich die Situation vorzustellen – und eigentlich sollte das niemanden kalt lassen.

Er zitiert auf die Frage nach dem Namen des Projektes gern einen Schüler, der nach der Stolpergefahr gefragt antwortete: „Nein, nein, man stolpert nicht und fällt hin, man stolpert mit dem Kopf und mit dem Herzen.“

Wikipedia / Stolpersteine

Und genau das sollten wir alle viel öfter. Wenn man erstmal einen der Stolpersteine in seiner Umgebung entdeckt hat, wird man nach und nach immer mehr entdecken. Es wird greifbar, wie viele Menschen selbst in der eigenen Nachbarschaft von Verfolgung und Deportation betroffen waren.

Es ist wichtig, dass die Namen und Geschichten dieser Menschen weiterleben und uns dran erinnern, dass es unsere verdammte Pflicht ist dafür zu sorgen, dass so etwas nie wieder passiert. Gerade in dieser Zeit ist es wichtig, sich bewusst zu sein, dass wir uns auf einem Scheideweg befinden, von dem ein Pfad wieder da hin führt, dass Menschen aufgrund von Religion, sexueller Orientierung oder Hautfarbe eine unterschiedliche (Lebens-)Wertigkeit zugesprochen wird.

Stolperstein, Berlin, Moabit, Pinkus

Hedwig, Joachim und Otto Pinkus
(Quelle: aKerlin)

Stolpersteine für Hedwig, Joachim und Otto Pinkus in der Thomasiusstraße, Berlin.

Joachim Pinkus mit seiner Mutter Hedwig in Den Haag am 7. Juli 1939
(Quelle: Stefan Pinkus)

Nicht still Leben

Es muss nicht gleich der bewaffnete Widerstand oder der Untergrund sein. Es reicht schon, nicht einfach nur still zu sein, sondern laut zu widersprechen. Auch wenn der Teil der Gesellschaft, der aus irrationaler Angst vor von Demagogen beschworenen Gespenstern in Panik nach denen schlägt, denen es eh schon schlecht geht, momentan der lautere ist, ist er (noch) der kleinere.

Noch haben wir die Möglichkeit uns laut zu äußern. Schreib darüber, sprich mit – und nicht über – Leute in der Bahn, der Bar oder am Arbeitsplatz. Entferne rechte, identitäre, völkische Aufkleber und Poster aus Deinem Kiez. Beteilige Dich an friedlichen Demonstration und geh wählen. Sicherlich gibt es viele, die man nicht mehr erreichen und überzeugen kann, aber man kann zumindest deutlich machen, dass Menschenverachtung nicht Konsens ist.